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Richtfest am 22. April 1988

Informationen

Hessisches Ministerium der Justiz (Wiesbaden)


Justizminister Karl-Heinz Koch: Richtfest für die neue Untersuchungshaftanstalt Weiterstadt - ein besonderer Markstein in der Justizvollzugspolitik des Landes Hessen

"Das heutige Richtfest für die neue Untersuchungshaftanstalt in Weiterstadt stellt einen besonderen Markstein in der hessischen Justizvollzugspolitik dar!"
Mit diesen Worten kommentierte der hessische Justizminister Karl-Heinz Koch den Baufortschritt am größten Bauvorhaben in der Geschichte der hessischen Justiz. Staatsminister Koch betonte zur Vorgeschichte der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt, daß keine Maßnahme im Justizvollzug des Landes Hessen so heftig umstritten gewesen sei wie das betreffende Neubauvorhaben. Die Entscheidung der neuen Landesregierung, die Anstalt in einem Bauschritt in der benötigten Gesamtgröße zu errichten, erweise sich als richtig. Auch die Entwicklung der Belegungszahlen in den hessischen Vollzugsanstalten bestätigen dies.

In seiner Rede zum Richtfest führte Staatsminister Koch weiter aus, daß neben dem Abbau der Überbelegung mit diesem Neubau ein neuer Weg im Vollzug der Untersuchungshaft beschritten werde. Das Thema "Untersuchungshaft" sei in den letzten Jahren verstärkt in den Blickpunkt einer kritischen Fachöffentlichkeit gerückt. Gerade im Bereich der Untersuchungshaft, wo selbstverständlich die Unschuldsvermutung gelte, sei der Staat aufgerufen, die Auswirkungen der Haft auf das Maß zu begrenzen, das zur Durchführung eines geordneten Strafverfahrens erforderlich sei. Die notwendige und sinnvolle Differenzierung der Vollzugsgestaltung in der Untersuchungshaft könne wegen der vorgegebenen baulichen Verhältnisse bislang kaum stattfinden.
Neue Untersuchungshaftanstalten müßten nach den Worten des Hessischen Justizministers daher sowohl räumlich als auch personell so geplant und ausgestattet werden, daß vergleichbare Unterbringungs-, Arbeits-, Betreuungs-, Freizeit- und Besuchsmöglichkeiten bestünden wie in den Anstalten für rechtskräftig verurteilte Gefangene. Hinzutreten würden Angebote zu sozialem Training und praktischer Lebenshilfe. Der Hessische Justizminister betonte, daß die neue Untersuchungshaftanstalt in Weiterstadt diesen Vorgaben Rechnung tragen werde. Justizminister Koch wies außerdem darauf hin, daß durch den Einsatz von modernster Technik und einer entsprechenden Bemessung des Personals in der neuen Untersuchungshaftanstalt derjenige Sicherheitsstandard aufrechterhalten würde, der in einer Vollzugseinrichtung für erwachsene Untersuchungshaftgefangene erforderlich sei.

Abschließend dankte Staatsminister Koch allen bei der Planung und Bauausführung Beteiligten, insbesondere der Staatsbauverwaltung im Finanzministerium, der Oberfinanzdirektion, dem Staatsbauamt Darmstadt, den bauausführenden Firmen und ihren Mitarbeitern sowie den Architekten.

Redaktion: Joachim Lieber

 

 

Hessen Report Nr. 2, Juni 1988

Richtfest auf der
größten Baustelle Hessens

Die neue Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt

"Das Richtfest für die neue Untersuchungshaftanstalt in Weiterstadt stellt einen besonderen Markstein in der hessischen Justizvollzugspolitik dar." Mit diesen Worten wies Hessens Justizminister Karl-Heinz Koch beim Richtfest für die lange geplante Anstalt auf ihre Bedeutung für eine verantwortungsvolle Justizpolitik in Hessen hin.

  Die Belegung in den hessischen Vollzugsanstalten ist seit Jahren bei weitem zu hoch. Schon unter der früheren Landesregierung wurde deshalb der Entschluß gefaßt, für die künftig unterzubringenden Untersuchungshäftlinge eine neue Vollzugsanstalt zu errichten. An den politischen Gegebenheiten drohte das Projekt zunächst zu scheitern. Nunmehr konnte das Vorhaben einer zügigen Realisierung zugeführt werden.

  Warum aber eine besondere Untersuchungshaftanstalt? Untersuchungshaft unterscheidet sich grundlegend von der Strafhaft. Untersuchungshäftlinge können in Zukunft aus anderen Anstalten herausgenommen werden, die dann wieder mit dem niedrigeren Sicherheitsstand betrieben werden, für den sie ursprünglich gebaut wurden.

  Auch genügten die in Hessen vorhandenen Plätze für die Untersuchungshäftlinge nicht mehr den Ansprüchen, die für die Unterbringung angemessen sind. Diese Plätze können durch den Neubau ersetzt werden.

  Damit ergaben sich bei der Planung zwei in sich eigentlich widersprüchliche Vorgaben. Einerseits soll es Einschränkungen für die Untersuchungsgefangenen, für die ja die gesetzlich vorgeschriebene Unschuldsvermutung gilt, nur insoweit geben, als dies zur Durchführung des Strafverfahrens oder aus Gründen der Anstaltssicherheit unerläßlich ist. Andererseits mußte eine hohe Ausbruchsicherheit erreicht werden.

  Deshalb hat man sich für eine Unterbringung in Wohngruppen zu 25 bis 28 Personen entschieden. Jede Wohngruppe erhält Duschen, Freizeiträume und eine Küche. Alle Zellen werden morgens geöffnet. Die Gefangenen können zur Wahrung ihrer Privatsphäre ihre Zelle mit einem eigenem Schlüssel abschließen,

  Jeweils drei dieser Wohngruppen sind zu einem Haus mit eigenem Hof zusammengefaßt der tagsüber von den Häftlingen nach Belieben aufgesucht werden kann. Die Zeit des zu vorgeschriebenen Zeiten befohlenen Hofganges' geht unwiderruflich zu Ende.

  Insgesamt kann die Anstalt ständig 420 männliche und 75 weibliche Gefangene aufnehmen, Arbeitsbetriebe, eine Sportanlage mit Sporthalle, eine Bibliothek mit einem Schulungszentrum gehören ebenso zu den Anstaltseinrichtungen wie eine Krankenstation, die Energiezentrale, das Wirtschaftsgebäude mit Anstaltsküche, eine großzügig bemessene Besuchsabteilung für Anwälte und Angehörige und die Anstaltskirche.

  Die gesamte Anlage ist von einer hohen Mauer umschlossen, die rund um die Uhr von Türmen gesichert wird. Zusätzlich sind modernste elektronische Sicherungssysteme vorgesehen.

  Wegen dieses hohen Sicherheitsgrades sollen in Weiterstadt zwei weitere überregionale Vollzugseinrichtungen Platz finden: ein Behandlungszentrum für psychisch auffällige Gefangene und ein Krankenhaus für die Gefangenen aus den südhessischen Vollzugsanstalten.

  Nach Abschluß der Baumaßnahmen wird das Land Hessen eine Justizvollzugsanstalt besitzen, die vollständig den Ansprüchen des in der Vorbereitung stehenden Gesetzes über den Vollzug der Untersuchungshaft entsprechen und damit auch bundesweit neue Maßstäbe setzen.

 

 

Während der Bauphase

1990

 

Weiterstadt baut "Appartements" mit Teich statt Zellen

Neues Gefängnis wird wie ein Mittelklasse‑Hotel     Von Karin Zeitler, Mittwoch, 15. August 1990
 

Weiterstadt. ‑ Mit düsteren und ungemütlichen Gefängnissen herkömmlicher Art hat die neue Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt bei Darmstadt nichts gemein: Wer in die noch nicht ganz fertig gestellte Aufenthaltshalle des Besuchergebäudes kommt, fühlt sich vielmehr in die Lobby eines modernen Mittelklassehotels versetzt. Ein durchsichtiges Glasdach und eine leichte Stahlkonstruktion lassen die Sonne durchscheinen, Grünpflanzen sorgen schon jetzt für eine angenehme Atmosphäre und gruppieren sich demnächst dekorativ um einen kleinen Teich, dem noch das Wasser fehlt.

Die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) im südhessischen Weiterstadt wird von Anfang 1993 an in 495 Haftzellen Männern und Frauen während ihrer Untersuchungshaft vorläufige Unterkunft bieten. Seit 1986 wird an der aus sechs Wohngebäuden bestehenden Anlage gebaut. Auch soll dort ein zentrales Krankenhaus mit 120 Plätzen und eine sozialpsychiatrische Abteilung mit 30 Plätzen eingerichtet werden, die Patienten der südhessischen Vollzugsanstalten aufnehmen.

Karl‑Heinz Koch (CDU) bezeichnete die JVA bei einem Besuch der Baustelle als eine "Anstalt, die modernsten Anforderungen gerecht wird." Es gelte "Respekt vor der Menschenwürde" zu zeigen, da Untersuchungshäftlinge auch unschuldig sein könnten. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung des Täters müsse die Unschuldsvermutung respektiert werden. "Hier wird keiner gebrochen, es sei denn, er war es schon vorher", sagte Koch. Er bemängelte die "unbefriedigende Zustände" des Untersuchungsgefängnisses in Frankfurt. Wenn Weiterstadt in Betrieb sei, müsse die Frankfurter JVA grundlegend saniert werden. Sie sei überbelegt und veraltet.

In Weiterstadt werden die Häftlinge dagegen viel Platz und Freiheit haben. "Der Eindruck einer Zelle wurde bewußt vermieden", berichteten die Planer. Der Begriff "Appartement" fällt dagegen in ihren Beschreibungen öfters. So soll jeder Gebäudetrakt einen eigenen Hof bekommen mit Bäumen und Bänken, "wo man auch joggen und Sport treiben kann". Es sei geplant, die Zellen morgens um 7 Uhr aufzuschließen, so daß sich die Häftlinge tagsüber in ihrem abgeschlossenen Wohntrakt frei bewegen können. Auch solle jeder Häftling einen Schlüssel für seine Zelle bekommen, um seine persönlichen Sachen vor dem Zugriff von Mithäftlingen bewahren zu können.

Die Anzahl der Untersuchungshäftlinge in Hessen, von denen 69 Prozent Ausländer sind, ist nach Auskunft des Justizministeriums auf 1449 im Juli 1990 gestiegen.

 

 

 

Vor der Fertigstellung

1992

FNP 29.9.1992

Gefängnis in Weiterstadt wird rechtzeitig fertig

Weiterstadt (Ihe). ‑ Hessens modernstes Untersuchungsgefängnis, die JVA Weiterstadt, soll nach Darstellung von Justizministerin Christine Hohmann‑Dennhardt (SPD) wie geplant am 1. April 1993 fertig sein. Damit trat sie am Montag während eines Besuchs des Gefängnisses Bedenken entgegen, die Frist könne nicht eingehalten werden. Ende August waren erst vier von 18 geplanten Gebäuden abgenommen.

Mit dem Vollzugskonzept der Weiterstädter JVA wird nach dem Worten von Anstaltsleiter Ekkehard Hoffmann in Hessen Neuland betreten: So soll den Inhaftierten "soviel persönliche Freiheit gelassen werden, wie es die Umstände erlauben".

Im Klartext heißt das: Die Insassen können sich ‑ wenn es der Tagesablauf erlaube ‑ nach eigenem Wunsch in ihre Zelle zurückziehen, Sport treiben, sich weiterbilden oder arbeiten. Mit dem Bau des Weiterstädter Gefängnis war 1986 begonnen worden. Es ist für rund 500 Untersuchungshäftlinge und etwa 300 Mitarbeiter ausgelegt.

 

Frankfurter Rundschau, 29.09.1992

Skandinavien stand Pate

In der JVA Weiterstadt wird liberaler Strafvollzug angestrebt

 WEITERSTADT. Reformbeispiele eines eher humanen und liberalen Strafvollzugs in Skandinavien und anderen Staaten waren Vorbilder für Bau und Gestaltung der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt (Kreis Darmstadt‑Dieburg), in die nach über sechsjähriger Bauzeit (Kosten: 148 Millionen Mark) am 1. April 1993 die ersten von maximal 495 Untersuchungshäftlingen, darunter eventuell 75 Frauen, kommen werden, bewacht und betreut von 349 Bediensteten.
  Kernstück des mit viel Grün landschaftlich kaschierten und weit außerhalb der Wohnbebauung liegenden Gefängnisses sind die sechs je dreistöckigen Unterkunftsgebäude. Auf jeder Etage liegen 22 Einzel‑ und zwei Gerneinschaftsräume, Freizeiträume, Duschen und eine Küche, in der die Gefangenen ihr Frühstück selbst zubereiten und gemeinschaftlich kochen können. Hinzu kommen Diensträume für Aufsicht und psychologische wie pädagogische Fachdienste und die Seelsorge. Jeder Haftraum hat Fenster zum Hof, ist mit einem abgetrennten sanitären Bereich, mit Radio, Wecker und Fernsehanschluß sowie einem Gerät ausgestattet, um Kontakt mit dem Wachpersonal aufzunehmen. Während der Freizeiten können die Gefangenen ihre Zellen mit eigenem Schlüssel versperren.
  Bisher irn hessischen Strafvollzug einmalig ist eine sozialpsychiatrische Abteilung mit 29 Haftplätzen, teilweise in Form von Wohngruppen, für psychisch auffällige und sehr aggressive Gefangene

aus allen südhessischen JVAs. Die entsprechend für U‑Häftlinge wie bereits verurteilte Strafgefangene geschaffene Einrichtung nutzt ebenso wie eine Krankenstation mit 36 Plätzen jeweils einen aufwendig gestalteten Hof für Sport und Freizeit. Gebaut wurden zudem eine Drei‑Felder‑Sporthalle, eine Halle für therapeutisches Schwimmen und ein Kraftsportraum. Bei jedem nach Weiterstadt eingewiesenen U‑Häftling soll in einem Erstgespräch die physische, psychische, berufliche und soziale Situation erforscht werden. "Sofortmaßnahmen" sollen die durch einen "möglichen Inhaftierungsschock ausgelösten Überreaktionen" wie Selbstverletzungen oder gar Selbsttötung verhindern. Erstinhaftierte werden auf einer abgetrennten Station von länger einsitzenden Häftlingen ferngehalten, die zu "delinquentem Verhalten" verleiten könnten. Gesonderte Stationen gibt es außerdem für ältere Gefangene und drogenfreie Häftlinge (in Weiterstadt werden erfahrungsgemäß viele Drogenabhängige und zum Teil Aidskranke einsitzen). Eine "Förderabteilung" bietet Kurse zum Nachholen von Schulqualifikationen, für die Berufsfindung und des sozialen Trainings an.
  Die Familienangehörigen der U‑Häftlinge können an bestimmten Besuchstagen ihre Kinder von Erzieherinnen und Pädagogen in gesonderten Räumen betreuen lassen. Derzeit wird versucht, dieses Angebot zu einem Betriebskindergarten auszuweiten. feu

 

 

 

 

 

Die RAF sprengt das Gefängnis in Weiterstadt
Beginn einer neuen Terrorwelle?

200 Kilogramm Sprengstoff verwandeln das bezugsfertige
Gebäude in ein Trümmerfeld - Täter entkommen unerkannt

DARMSTADT (Eigener Bericht/dpa/ap). Nach dein Bombenanschlag auf das Gefängnis in Weiterstadt bei Darmstadt muß nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden mit weiteren Terrorakten der „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF) gerechnet werden. Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) sagte am Sonntag abend, es gebe keinen Anlaß zur Entwarnung. Auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Eckart Werthebach, hält weitere Anschläge für möglich, rechnet aber nicht mit gezielten Mordtaten.

Auch am Sonntag gab es noch keine heiße Spur von den vermutlich fünf Tätern, die am Samstag gegen 5.10 Uhr den Gefängnisneubau in Weiterstadt mit schätzungsweise 200 Kilogramm Sprengstoff in ein Trümmerfeld verwandelt hatten. Der Sachschaden beläuft sich auf rund 100 Millionen Mark, verletzt wurde niemand.
  Ein „Kommando Katharina Hammerschmidt“ der RAF bezeichnete sich in einem Brief als Urheber des Anschlags. Die Bundesanwaltschaft hält das Bekennerschreiben mit RAF-Symbol für authentisch.
  Die Täter waren nach den bisherigen Erkenntnissen am Samstag um kurz nach 1 Uhr mit Leitern über die Mauer in das noch nicht belegte Gefängnis einge-drungen. Sie fesselten elf Bedienstete und brachten sie mit einem gestohlenen VW-Trans-porter auf ein Feld in Sicherheit. Dann verteilten sie den Sprengstoff in dem Gefängniskomplex. Nach Erkenntnissen der Bundesan-waltschaft handelte es sich um gewerblichen Sprengstoff. Nach Berichten von Zeugen ließen sich die Terroristen viel Zeit und suchten das gesamte Gebäude nach Personen ab, ehe der Sprengstoff gezündet wurde. "Das war alles generalstabsmäßig geplant", sagte von Stahl.
  Die Terroristen flüchteten schließlich mit der Mercedes-

Limousine eines der Bediensteten, in der später das Bekenner-schreiben gefunden wurde.
  Bei der Detonation wurdendas Verwaltungsgebäude und einige der Zellentrakte so schwer beschädigt, daß sie möglicherweise vor einem Wiederaufbau abgerissen werden müssen. Justizministerin Christine Hohmann-Dennhardt (SPD) er-klärte, der Anschlag habe den Strafvollzug in Hessen um sechs Jahre zurückgeworfen. Das neue Gefängnis sollte einen humanen Strafvollzug ermöglichen und an-dere überfüllte Anstalten entlasten.
  Das Bundeskriminalamt gab eine detaillierte Fahndungsmeldung nach vier Tätern - drei Männern und einer Frau - heraus. Zur möglichen Beteiligung einer fünften Person hieß es, die Zeugenaussagen seien widersprüchlich. Zur Frage, ob die Täterbeschreibungen mit Erkenntnissen über derzeit aktive RAF-Terroristen, die sogenannte vierte Generation, übereinstimmen, machte das BKA keine Angaben. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl meinte, er hoffe, nicht. daß sich der Staat auf eine neue, mörderische Terrorwelle der RAF einstellen müsse. Der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Ernst Uhrlau, wertete den Anschlag vom Samstag als Versuch der RAF, ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
 
 Übereinstimmend mit dem früheren Generalbundesanwalt Kurt Rebmann mahnte der Präsident des

Bundesamtes für Verfassungs-schutzes, Werthebach, der Staat solle „sorgfaltig und gelassen reagieren.“ In einigen Ländern wurden die Gefängnisbehörden zu „erhöhter Wachsamkeit“ ermahnt.
  Nach Auffassung von Werthebach bedeutet der Anschlag keine Abkehr von den Erklärungen der RAF vom April und August 1992. Damals hatte die Terrorgruppe die Aussetzung ihres bewaffneten Kampfes angekündigt. Uhrlau sagte jedoch, aus Sicht der RAF sei die sogenannte Kinkel-Initiative geschei-tert. Der damalige Justizminister Klaus Kinkel hatte einen Aufruf zur Versöhnung an die Terrorszene gerichtet und eine vorzeitige Haftentlassung von verurteilten Terroristen in Aussicht gestellt, die der Gewalt abgeschworen haben.
  Generalbundesanwalt Stahl meinte: „Ich habe nicht zu denen gehört, die glaubten, die RAF ist tot. Es war klar, daß die Kommandoebene existiert.“ Bundesinnenminister Seiters erklärte, der Staat müsse die Entwicklung des Terrorismus weiterhin mit höchster Wachsamkeit beobachten.
  Die hessischen Grünen bezeichneten den Anschlag als „außergewöhnlichen kriminellen Stumpfsinn“. Die FDP kritisierte einen „beängstigenden Mangel“ des Sicherheitskonzeptes für den Gefängnisneubau in Weiterstadt und wies darauf hin, daß es schon während der Bauzeit mindestens zwei Anschläge gegeben habe.

 

 

 

Hessischer Landtag beschließt Untersuchungsausschuß

Sprengstoffanschlag auf die
Justizvollzugsanstalt Weiterstadt

Am 27. März 1993 wurde auf die kurz vor der Fertigstellung stehende Justizvollzugsanstalt Weiterstadt von der RAF ein Sprengstoffanschlag verübt. Der Sachschaden an mehreren schwer beschädigten Gebäuden der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt beträgt nach ersten Schätzungen über 100 Millionen Mark. Nun stellen sich Abgeordnete des Hessischen Landtags die Frage, warum die auf freiem Feld liegende und noch im Bau befindliche neue Justiz-vollzugsanstalt Weiterstadt, die lediglich eine Baustellenbewachung hatte und für einige wohnungssuchende Justizvollzugsbedienstete eine Ersatzübernachtungsmöglichkeit bot, nicht besser bewacht wurde. Man sucht nach Verantwortlichen für Mängel im Sicherheitskonzept und verlangt Konsequenzen. Am 1, April 1993 wurde von den Fraktionen der CDU und der FDP folgender dringender Antrag betreffend die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gestellt:
Dringlicher Antrag der Fraktionen der CDU und der FDP betreffend Einsetzung eines Untersuchungsaus-schusses gemäß § 26 GOHLT
Der Landtag wolle bes-chließen:
Es wird ein Untersuchung-sausschuß gemäß § 26 GOHLT

gebildet. Dem Ausschuß gehören elf Mitglieder an (vier SPD, vier CDU, zwei Grüne, einer FDP). Er hat die Aufgabe, insbesondere folgende Fragen zu klären:
1. Welche Ressorts der Landesregierung waren in welcher Weise vor und am 27. März 1993 für die Sicherheit der Justiz-vollzugsanstalt Weiterstadt ver-antwortlich?
2. Welche Erkenntnisse über sicherheitsrelevante oder terror-istische Bedrohungen gegen Objekte des Landes Hessen lagen der Landesregierung insbesondere im Bereich der Justiz vor - und zwar vor und zu dem Zeitpunkt des Anschlags auf die Justiz-vollzugsanstalt Weiterstadt?
3. Welche politischen Vorgaben und Einschätzungen lagen der Politik der Landesregierung zur Bekämpfung des Terrorismus in Hessen seit 1991 zugrunde?
4. Welche Sicherheitsmaßnahmen wurden vor und am 27. März 1993 bezüglich der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt durchgeführt:
a) durch die Polizei,
b) durch Justizbedienstete,
c) durch private Wachdienste?
5. Wie wurde sichergestellt, daß trotz der noch nicht aktivierten technischen Sicherungseinrichtungen der Gesamtkomplex der Justiz-vollzugsanstalt vor kriminellen Be-drohungen jeder Art geschützt war?

 

 

Darmstädter Echo, Freitag, 02. April 1993

hier das "RAF-Flugblatt" öffnen



 

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt
wurde folgendes Schreiben verbreitet:

 

Das RAF-Flugblatt von 1993

 

 

Bistumszeitung Limburg, 30.04.1993

RAF hatte Haftbedingungen im Visier
Gefängnispfarrer Gert Linz: Freiheitsstrafe wird zu oft angeordnet

Frankfurt. „Für die Untersuchungsgefangenen in Frankfurt ist das eine Katastrophe.“ Pfarrer Gert Linz (53), seit 1985 Gefängniss-eelsorger in Preungesheim, bedauert, daß durch den Bombenanschlag der Rote Armee-Fraktion (RAF) auf die neugebaute Haftanstalt in Weiterstadt bei Darmstadt „die Zustände im Untersuchung-sgefängnis Preungesheim notgedrungen erst mal weitergeführt werden müssen“. Die Anstalt im Norden Frankfurts, ein 60er-Jahre-Bau, gilt wegen ihrer baulichen Mängel als abbruchreif, ihre Architektur als menschen-feindlich. Außerdem ist das Untersuchungsgefängnis chronisch überbelegt (der Sonntag berichtete), und es fehlt überall an Personal. So muß sich ein Sozialarbeiter beispielsweise um 250 Gefangene kümmern.
  Die meisten Preungesheimer Untersuchungs-Häftlinge wären jetzt in den Neubau nahe bei Darmstadt verlegt worden - doch dieser Umzug ist mit dem RAF-Anschlag zunächst in weite Ferne gerückt: Sechs Jahre soll der Wiederaufbau dauern. Für Pfarrer Linz ist es jedoch undenkbar, die Zustände in Preungesheim über eine so lange Zeitspanne unverändert bestehen zu lassen. „In den

letzten 20 Jahren hat das Thema ,Untersuchungs-Haft´ noch nie so im Interesse der Öffentlichkeit gestanden wie in den Tagen nach dem Bombenanschlag. Darin sehe ich auch eine Chance: Die Preungesheimer Probleme sind jetzt bekannt, die politisch-gesellschaftliche Unterstützung ist da. Ich hoffe, daß sich das Justizministerium sowie die Bistumsleitung nun mehr als bisher finanziell und personell engagieren.“ Was sich Pfarrer Linz außerdem erhofft, ist ein verstärktes Engagement der Kirchengemeinden für die Gefangenen. Auch müßten Ehrenamtliche, die in der Gefängnisseelsorge tätig sind oder tätig werden wollen, besser ausgebildet und betreut werden.
  Nach Ansicht des Seelsorgers hatte die RAF mit ihrem Anschlag Praxis und Bedingungen der Untersuchungs-Haft im Visier. „Was die Bombenleger getan haben, ist natürlich Stumpfsinn. Wenn sie darauf aufmerksam machen wollten, daß mit der Situation in der Untersuchungs-Haft etwas nicht in Ordnung ist, ist ihnen das allerdings gelungen“, so Gert Linz. Er ist davon überzeugt, daß die Strafprozeßordnung geändert werden müsse, „damit es nicht so viele Untersuchungshäftlinge

gibt“. In 90 Prozent der Fälle nämlich ordne ein Richter „Fluchtgefahr“ und damit Haft an: „Das ist oft gar nicht nötig, da soziale Bindungen gegen eine Fluchtgefahr sprechen“, betont Linz. Seiner Ansicht nach sollten jetzt dringend Alternativen zur Untersuchungs-Haft entwickelt werden: Stärker als bisher könnte Verdächtigen die Auflage gemacht werden, sich regelmäßig zu melden. „Das gilt auch für Wohnsitzlose, die in der Regel wegen fehlender Adresse schnell in Untersuchungs-Haft genommen werden“, unterstreicht der 53jährige Seelsorger. Er verweist auf die Haftentscheidungshilfe Frankfurt, die in solchen und ähnlichen Fällen dem Richter beratend zur Seite steht. Weiter schlägt Linz das Prinzip „Arbeit statt Strafe“ vor - nämlich dann, wenn jemand eine Geldstrafe bekommt und diese nicht bezahlen kann oder will. Hier Arbeit statt Ersatzfreiheitsstrafe zu verordnen, kommt Linz viel sinnvoller vor.
  Aber: „Es reicht nicht aus, die verschiedenen Maßnahmen in Gang zu setzen, damit weniger Verdächtige in Haft genommen werden“, räumt Gert Linz ein. „Sie müssen auch konsequent durchgeführt werden.“
Heike Kaiser

 

 

 

Fotos nach dem Sprengstoffanschlag der RAF im Jahre 1993

 

    

          

 

 

 

 

 

DONNERSTAG, 27. MÄRZ 2003

VOR ZEHN JAHREN:

ANSCHLAG AUF DIE JVA       DARMSTÄDTER ECHO

 

FOTO: DPA

Am Tag danach: Das Verwaltungsgebäude mit den technischen Anlagen war das Hauptziel der Terroristen. Zwei der fünf Sprengsätze verwandelten es in eine Ruine

 

 

 

„Ich nahm das persönlich“

 Erinnerungen - Am Tag danach stand der frühere Anstaltsleiter fassungslos vor dem Bau
 

WEITERSTADT. „Die haben die Anstalt gesprengt, sagt der Wachmann hektisch am Telefon und legt einfach wieder auf. Nervös zieht sich Ekkehard Hoffmann an, springt in sein Auto und hetzt von Otzberg nach Weiterstadt. Der damalige Leiter der JVA kann einfach nicht glauben, was ihm am Telefon gesagt wurde. Doch die Realität des 27. März 1993 belehrt ihn eines besseren: „Ich war geschockt als ich auf das Gelände sah, erinnert sich Hoffmann.
 
Zunächst hat er nicht daran geglaubt, dass sein Lebenswerk überhaupt wieder aufgebaut werden könnte. Sprachlos steht er am Samstagmorgen mit dem

Projektleiter und Architekten vor dem Trümmerhaufen: „Wir konnten einfach nicht mehr reden.“ Auch das Gelände und die Gebäude, in denen er seit Jahren ein- und ausging, dürfen sie nicht betreten. Erst ein Rundgang am Nachmittag zeigt Hoffmann das ganze Ausmaß der Zerstörung.
   Nach dem ersten Schock folgt in den folgenden Tagen und Wochen eine Trotzreaktion: Das Gefängnis soll wieder aufgebaut werden. Es folgen „Wochen und Monate hektischer Betriebsamkeit“. Zunächst werden die Trümmer beseitigt, dann beginnt der Wiederaufbau. 1997 wird die Anstalt eröffnet. Drei Jahre leitet Hoffmann das Gefängnis, dann geht er in den Ruhestand.
   Vergessen hat er das Ereignis vom 27. März nicht. „Ich habe es verdrängt. Verarbeitet hat das keiner der Beteiligen. Da bin ich sicher“, sagt er. Auch nachdem das Gefängnis 1997 in Betrieb genommen wurde, kamen an den Jahrestagen die Bilder der Zerstörung immer wieder in Erinnerung. „Ich habe das damals persönlich genommen“, sagt Hoffmann.                wog

 

Ekkehard Hoffmann.

FOTO: KARL-HEINZ BÄRTL

 

 

Fünf Explosionen um 5.12 Uhr

Terroranschlag - Am 27. März 1993 sprengt ein RAF-Kommando die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in die Luft - 90 Millionen Mark Schaden und vier Jahre Bauverzögerung

VON ALEXANDER SCHNEIDER

WEITERSTADT. Das „Kommando Katharina Hammerschmidt“ kommt kurz nach ein Uhr früh. Im Schutze der Nacht überwinden mindestens drei Männer und eine Frau die 6,50 Meter hohe Außenmauer mit Aluminiumleitern. Alle tragen Strumpfmasken, Armeehosen und Maschinenpistolen. Im Inneren des hochmodernen, aber noch kaum gesicherten Gefängnisses laufen die Täter zum Wachhäuschen. „Hände hoch, hinlegen!“ Zwei Wachmänner folgen dem Befehl sofort. Dann werden acht weitere Wachleute und Vollzugsbeamte im Schlaf überwältigt, gefesselt und in einen Lieferwagen gesperrt. Unbemerkt fahren die Terroristen die Menschen sechshundert Meter von der Anstalt weg und parken hinter dem Hügel einer rekultivierten Deponie. Als sie gehen, herrscht nur noch Stille.
   Stunden später, um genau 5.12 Uhr, zerreißt eine gewaltige Explosion die Nacht über den Feldern südlich von Weiterstadt. Mit 200 Kilogramm Sprengstoff bombt sich am 27. März 1993 die Rote-Armee-Fraktion (RAF) wieder in die Öffentlichkeit. Vier Tage vor ihrer Eröffnung haben die Terroristen die neue Justizvollzugsanstalt - den bis dahin 290 Millionen Mark teuren Stolz der hessischen Justiz - in ein Trümmerfeld verwandelt. Fünf Sprengsätze zerstören drei Unterkunftsgebäude und den Verwaltungstrakt

bis auf die Grundmauern.
   Die Polizei kann die Her-kunft des Explosionsge-räuschs zu Anrufe, nach Aussage des damaligen Polizeiführers kam kein einziger davon aus Weiterstadt, geben unter-schiedliche Richtungen vor. Mehrere Polizeistreifen durchsuchen den West-kreis. Die Beamten vermuten einen Flugzeug-absturz oder eine Gasexplosion. Erst gegen Morgen kann sich die Wachmannschaft aus dem Lieferwagen befreien und meldet sich über eine Notrufsäule.

hat fast alle Gebäude beschädigt. Wände heraus-gerissen, Fenster über die Anlage katapultiert. Ein Gefängnistor wurde hunderte Meter weit über den Hof geschleudert. Tonnenschwere Betonteile hängen an Metallfetzen in den Hof.
  „Das Verwaltungsgebäude erinnerte an einen Ballon. Es war in der Mitte auseinander gebogen, regelrecht aufgeplatzt“, berichtet Willi Kümmel vom Verband der Justizbediensteten (BSBD), der aus Sorge um seine Kollegen nach Weiterstadt kam. Die

psychologisch betreut werden müssen. Ein Beamter schied sogar aus seinem Beruf aus. Noch heute will er nicht über die Ereignisse dieser Nacht reden.
   Die Täter wurden nie gefasst. Die Bundes-staatsanwaltschaft geht davon aus, dass zumindest der wenige Monate später erschossene RAF-Terrorist Wolfgang Grams beteiligt war. „Gegen immer mehr Menschen Knast, Knast, Knast - und er steht als Abschiebeknast für die rassistische staatliche Flüchtlingspolitik“, hieß es über den „Weiterstädter Knast“ in einem gefundenen RAF-Bekennerschreiben.
   Die in den ersten Tagen geschätzten 120 Millionen Mark Schaden be-wahrheiten sich nicht: 90 Millionen Mark hat der Anschlag laut Hessischem Finanzministerium gekostet und damit die Gesamt-kosten des Baus auf Schwindel erregende 380 Millionen Mark getrieben.
   Dass ausgerechnet das Weiterstädter Gefängnis zum Ziel der Terror-organisation wurde, rief Verwunderung hervor. Galt es doch als Pilotprojekt der damaligen rot-grünen Justizpolitik. Ein Gefängnis nach Vorbild des toleranteren Strafvollzugs in Schweden und den Niederlanden. Vier Jahre dauerte der Wiederaufbau, erst im Mai 1997 konnten die ersten Häftlinge nach Weiterstadt verlegt werden. Bis dahin litten sie in dem Betonklotz der veralteten, verrufenen und völlig überfüllten Haftanstalt Preungesheim.

Der Innenhof
erinnerte an ein Schlachtfeld.

FOTO: ARCHIV

Kurz nach sieben Uhr klingelt die Kriminalpolizei an der Tür von Gerd Körner. Der Weiterstädter SPD-Fraktionsvorsitzende ist damals Erster Stadtrat und fährt mit zur Ruine. Er selbst hatte die Detonation nicht gehört, jetzt erinnert ihn der Innenhof des Gefängnisses an ein Schlachtfeld. „Es sah aus wie im Libanon, nur Trümmer. Unglaublich, welche Gewalt dort am Werk war.“ Die Druckwelle der Explosion

 

Sicherheitsbehörden waren von dem Anschlag völlig überrascht. Mit einem solchen Angriff hatte niemand gerechnet, auch wenn der Darmstädter Architekt der Anlage bereits zuvor Attacken ausgesetzt war. Auch die zur Sicherung eingesetzten Wachmänner waren auf so etwas nicht vorbereitet. „Vollzugsbeamte sind auf Angriffe von innerhalb der Anstalt geschult, nicht von außen“, sagt Kümmel. Alle Wachmänner hätten

 

Vorzeigeanstalt in Hessen

 

Die JVA Weiterstadt aus der Vogelperspektive

Die JVA Weiterstadt heute:
Seit 1997 in Betrieb, befinden sich hier inzwischen über 1020 Menschen in Haft.

ARCHIVFOTO: ERNST SELINGER

WEITERSTADT. Als humanste und modernste Haftanstalt Deutschlands war das Weiterstädter Gefängnis geplant. Ein Untersuchungsgefängnis für 577 Häftlinge. Platzmangel in anderen hessischen Anstalten zwangen in den vergangenen Jahren zu einem neuen Konzept. In Wohncontainern wurden zweihundert neue Haft-plätze geschaffen. Dennoch ist die Weiterstädter Vollzugsanstalt schon lange überbelegt: 1027 Gefangene sind dort derzeit untergebracht. Auch ist es längst nicht mehr nur eine Untersuchungshaftanstalt. Lediglich 576 Insassen warten dort auf ihren Gerichtsprozess, der Rest sind verurteilte Straftäter und ausländische Häftlinge, die auf ihre Abschiebung oder Auslieferung warten.

Das Gefängnis bietet zudem in 15 Werkstätten Arbeitsmöglichkeiten für bis zu 180 Häftlinge. Mehr als 330 Bedienstete gibt es zurzeit in Weiterstadt. Dazu zählen 243 Beamte des allgemeinen Vollzugsdienste sowie Sozialarbeiter, Psychologen, Pädagogen und Mediziner.
   Vor zwei Jahren erhielt die Anstalt eine zusätzliche Aufgabe: die Zentrale Ein-weisungsabteilung. Diese Stelle müssen alle in Hessen zu mehr als zwei Jahren Haft Verurteilte zuerst durchlaufen. Eine Einweisungskommission prüft, in welches Gefängnis der Häftling kommen soll, welche schulischen, beruf-lichen oder therapeutischen Maßnahmen nötig und angeraten sind. Zweihun-dert Haftplätze sind in der Anstalt dafür vorgesehen.

 

 

 

 

 
 

 

 

Berichte über den Wiederaufbau und die Inbetriebnahme

1996

Frankfurt, 6. Februar 1996 * BILD * Seite 5

Getäfelte Türen, Luxusbad, Designer-Garten aus Taubertaler Muschelkalk
Rechnungshof: 5-Sterne-Knast
Weiterstadt 40 Millionen zu teuer

   Von MICHAEL LÖHR
Rot-grüne Geldverschwendung im hessischen Strafvollzug - alles ist noch viel schlimmer! In einem vernichtenden Gutachten hat der Landesrechnungshof jetzt festgestellt: Allein bei Planung, Bau und Wiederaufbau des im Frühjahr 1993 von RAF-Terroristen gesprengten Super-Gefängnisses in Weiterstadt hätten 40 Millionen Mark gespart werden können.

Der Präsident des Kontrollorgans, Udo Müller, nannte die "luxuriöse Ausstattung" des 5-Sterne-Knastes "ein Ärgernis, das den Bürgern nur schwer zu vermitteln sein dürfte".
 ● 11 Millionen wurden beim Bau einer Sporthalle mit Schwimmbad verpulvert. Weil beispielsweise die Decke des Kraftraumes "als Scheingewölbe in Weinkellercharakter mit Metallpaneelen"

gestaltet wurde.
 ● Holzvertäfelte Besucherräume, furnierte Blockzargentüren schlugen mit 4 Mio zu Buche.
 ● Genau so teuer (und unnötig): Die künstlerische Gestaltung der Spazierhöfe mit Natursteinquadern aus Taubertaler Muschelkalk,  obwohl die Häftlinge selbst sich lieber mehr Liegewiesen gewünscht hätten.

 ● Im Luxus-Knast gibt's drei Personenaufzüge. Dabei ist das Unterkunftsgebäude nur drei Stock-werke hoch und die Gefangenen leiden ohnehin unter Mangel an Bewegung.
   Und was sagt der Justizminister? "Von Luxus kann keine Rede sein", verteidigt sich von Plottnitz. Humaner Strafvollzug koste nun einmal sein Geld.


 

Darmstädter Echo, 10. Februar 1996

„In Weiterstadt entsteht kein Luxus-Gefängnis“

Justizminister und Finanzminister verteidigen bei einem Ortstermin die Baukosten der Haftanstalt
Von Wolfgang Görg

Schnee liegt auf den Felsen aus Taubertaler Muschelkalk. Die Pfeiler der Umzäunung tragen weiße Häubchen, die Wasserfläche im Innenhof ist gefroren. In der Schwimmhalle schwappt das Wasser über den Beckenrand. Muschelkalk, Zaun und Schwimmbad der Weiterstädter Justizvollzugsanstalt (JVA) sind für den Landesrechnungshof Beispiele für Verschwendung von Steuergeldern. In seinem am Montag vorgelegten Bericht wirft er der Landesregierung vor, beim Bau der rund 400 Millionen Mark teuren JVA mindestens 40 Millionen Mark mehr als nötig ausgegeben zu haben. Das Gefängnis, das am 27. März 1993 von RAF-Terroristen gesprengt worden war und derzeit wieder aufgebaut wird, sei zu luxuriös ausgestattet (wir berichteten).
  Am Freitag kamen Justizminister Rupert von Plottnitz (Gr4ne) und Finanzminister Karl Starzacher (SPD) in die Weiterstädter Haftanstalt, um die Vorwürfe zu entkräften. Plottnitz: „In Weiterstadt entsteht kein Luxus-Gefängnis. Moderne Untersuchungsgefängnisse haben nichts mit Zuchthäusern zu tun.“ Dem Rechnungshof warf er „Unkenntnis in Fragen des Strafvollzugs“ vor.
  Oft sind es Sicherheits-maßnahmen, die die hohen Kosten erzeugen. Ein Beispiel

dafür ist für Projektleiter Harald Clausen die 19,5 Millionen Mark teure Sport- und Schwimmhalle. Allein bei ihr hatten die Rechnungsprüfer ein Sparpotential von elf Millionen Mark gesehen. Sie müsse so gebaut sein, daß verschiedene Gruppen isoliert voneinander Sport treiben könnten: „Ein Vergleich mit einer Schulsporthalle ist einfach nicht möglich.“ Das Schwimmbad sollte zunächst therapeutischen Zwecken dienen und dem geplanten Anstaltskrankenhaus angeschlossen sein. Das allerdings wird „in absehbarer Zeit“ (Clausen) nicht gebaut. Ebenso wie der Kraftraum soll das Schwimmbad künftig den Häftlingen Gelegenheit geben, sich sportlich zu betätigen und Aggressionen abzubauen.
  Auch der Zaun vom „Typ Schlossgartenbegrenzung“ für 1,8 Millionen Mark war dem Rechnungshof zu teuer. Für Clausen ist er aber die „wirtschaftlichste Lösung“. Ursprünglich seien über drei Millionen Mark veranschlagt gewesen. Als das „billigste Angebot des billigsten Anbieters“ bezeichnete er den Muschelkalk. Mit 550 Mark pro Kubikmeter sei er um ein Drittel günstiger als der zunächst vorgesehene Odenwälder Granit. Dafür sei an anderer Stelle gespart worden: „um landschafts-

planerisch mehr Möglichkeiten zu haben, wurde auf die sonst übliche Kunst am Bau verzichtet.“ Die Höfe sollten schließlich Entspannung und Ruhe vermitteln.
  Mit der psychologischen Wirkung begründet Clausen auch den Aufbau der Hafträume. Um den „Zellencharakter“ zu vermeiden, haben sie drei Fenster zwei Luken, ein großes. Eines hätte genügt, sagen die Rechnungsprüfer.
  Andere, als Luxus bezeichnete Gebäudeteile, sehen Minister und Projektleiter als notwendig an: Aufzüge seien für Krankentransporte vorgesehen und mit der Bauordnung vereinbar. Der Keller sei eine technische Ebene, in der die Versorgungsrohre zusammenlaufen, und auch wegen des hohen Grundwasserspiegels unabdingbar. Plottnitz hält die Küchenausstattung aus Edelstahl für gerechtfertigt: Sie ist am strapazierfähigsten und auf Dauer am günstigsten.
  Clausen widersprach dem Vorwurf, mit dem Wiederaufbau hätten günstigere Lösungen gesucht werden müssen. Die Rekonstruktion wäre viel teurer gewesen, weil die beschädigten Gebäude dann ganz hätten abgerissen werden

müssen. Jetzt reiche eine Reparatur. Der Prüfbericht habe „wenig mit Rechnungsprüfung, aber viel mit Politik zu tun“, schimpfte von Plottnitz. Das weist die Sprecherin des Rechnungshofes, Dela Strumpf, zurück: Fachleute hätten auch die Sicherheitsbelange des Gefängnisses berücksichtigt. Angesichts der Finanzlage „wäre die modernste Haftanstalt Europas“ heute nicht mehr so zu bauen, räumten Plottnitz und Starzacher ein. Die Pläne stammen aus den achtziger Jahren. In diesem Zeitraum seien die Kosten in der Baubranche um 20 Prozent gestiegen. Die Verteuerung bei der JVA betrage dagegen nur 6,25 Prozent.
  Beide Minister halten am Konzept des humanen Strafvollzugs fest. Das Gegenbeispiel sei Frankfurt-Preungesheim. Dort seien die Zustände unhaltbar. Das Gefängnis wird deshalb abgerissen, wenn die Weiterstädter JVA 1997 in Betrieb geht. Weil Häftlinge aus Frankfurt nach Weiterstadt verlegt werden, müssen dort zunächst rund 800 untergebracht werden. Später sollen 570 Untersuchungsgefangene in Weiterstadt einsitzen.

 

 

Bild, 10. Dezember 1996

Ein Tag im Knast -
teurer als im Hotel

Von D. HOEREN
u. ROSENHAHN u. C. SCHATZMANN

 In der Eingangshalle sprudelt ein Springbrunnen. Durch eine riesige Glaskuppel an der Decke brechen die Sonnenstrahlen durch, erhellen den großen Innenhof. Meterhohe Bambusbüsche wiegen sich leicht im Wind. Was auf den ersten Blick wie die Lobby eines Luxushotels aussieht, ist in Wirklichkeit Deutschlands modernstes Gefängnis die U-Haftanstalt Weiterstadt (Hessen).
  Von April an sollen hier 575 Häftlinge hinter Schloß und Riegel sitzen. 400 Millionen Mark kostet der Neubau mit Schwimmhalle und Konzertsaal

(inklusive Teilinstandsetzung nach dem Bombenanschlag der RAF im März macht rd. 700 000 Mark pro Einzelzelle. Hinzu kommen später die Betriebskosten: Wachpersonal, Verpflegung, Arztversorgung.
  70 228 Männer und Frauen sitzen derzeit in Deutschland in Haft. Jeder Häftling kostet den Staat zwischen 121,70 Mark (Bayern) und 197 Mark (Berlin) pro Tag. Selbst in Luxushotels kann man billiger wohnen.
  Die Kostentreiber: Das Personal: In Baden-Württemberg kommen 32 Wachbeamte auf 100 Häftlinge. Sie machen Dienst rund um die Uhr, das ganze Jahr. Die Arztversorgung: Gefangene

haben Anspruch auf "freie Heilfürsorge". Sie bekommen Untersuchungen (auch außerhalb der Haft), Medikamente umsonst            ohne Zuzahlung. Alleine Baden-Württemberg zahlt für die ärztliche Versorgung der Strafgefangenen            rd. 10            Millionen Mark/Jahr. Die Verpflegung: Das Land Niedersachsen zahlt z. B. 4,56 Mark pro Tag und Häftling an Essenskosten. Die Lohnnebenkosten: Die Gefängnisse müssen für jeden Häftling, der im Knast arbeitet, Beiträge zur Arbeitslosen-versicherung abführen. 11 Millionen Mark allein in Baden-Württemberg. Das Freizeitprogramm: Um 16 Uhr

endet die Arbeitszeit der Häftlinge (nur etwa 60 % gehen einer Tätigkeit nach). Danach gibt es viele Unterhaltungs-möglichkeiten: Sport, Sprachkurse, Fernsehen, Schwimmbadbesuche mit Bewachung außerhalb des Gefängnisses usw.
  Der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Franz Hellstern, zu BILD: "Wir haben auch in den Gefängnissen einen Wohlstand eingeführt, den wir uns nicht mehr leisten können. Es muß darübernachgedacht werden, ob ein solcher Luxus bei der Unterbringung undbeim Freizeitangebot in der Haft heutzutage noch vor dem Steuerzahlerverantwortet werden kann."

 

 

     

1997

Die JVA Weiterstadt ist wiederaufgebaut
und steht vor ihrer Vollbelegung.
Noch immer protestiert die RAF:

 

Das RAF-Flugblatt von 1997

 

 

 

 

Oberhessische Presse; Samstag, 26. April 1997

Neues Untersuchungsgefängnis:
Häftlinge trainieren Alltag

Haftanstalt Weiterstadt bei Darmstadt soll am 2. Mal in Betrieb genommen werden

Darmstadt. Im März 1993 sprengten. Terroristen das bezugsfertige Ge-fängnisgebäude. Jetzt ist der Wiederaufbau beendet. von Klaus Tscharnke
  Die Zellentrakte sind fertig, die ersten Testgefangenen bereits umgezogen: Im vermutlich teuersten Unter-suchungsgefängnis Deutsch-lands, der neuen Unter-suchungshaftanstalt in Weiterstadt bei Darmstadt, laufen die Vorbereitungen für die Inbetriebnahme am 2. Mai auf Hochtouren. Bereits seit Wochen trainieren die 304 Justiz-bediensteten den Gefängnis-alltag - angeblich mit harmlosen Häftlingen aus dem maroden Untersuchungs-gefängnis in Frankfurt-Preungesheim, das nach dem Umzug der 700 Inhaftierten abgerissen werden soll.
  Einzelheiten über die Organisation der vermutlich größten Gefangenen-Verlegung in der deutschen Justizgeschichte rückt das Justizministerium ebenso

zögernd heraus wie Informationen über die Haftanstalt selbst. Eine Wiederholung des Alptraums vom 27. März 1993 soll verhindert werden. Damals hatten Terroristen, wahr-scheinlich Mitglieder der Rote Armee-Fraktion, fünf Sprengsätze gezündet und das bezugsfertige Gefängnis am Rande der Kleinstadt in Trümmer gelegt.
  Dieses Mal ging die Landesregierung auf Nummer sicher. Ob Lieferanten, Bauarbeiter oder Ingenieure - keiner gelangte ohne strenge Kontrollen auf die Baustelle. Die Unachtsamkeit von 1993 wird allerdings für die Steuerzahler teuer. Neben den ursprünglichen Baukosten von knapp 301 Millionen Mark belastet der Wiederaufbau die Landeskasse mit weiteren 112 Millionen Mark
  Auf dem 15 Hektar großen Gelände ist derweil eine Gefängnisstadt entstanden.
Herzstück sind die sechs Gebäude der sechs

Haftstationen. Innerhalb einer jeden Station sollen sich die Insassen möglichst frei bewegen können. Um so strikter soll hingegen die Trennung zwischen den vier "Vollzugsabteilungen" aus-fallen. Erstinhaftierte sollen streng von arbeitenden, älteren und drogenfreien Häftlingen abgeschirmt werden, Schwerverbrecher und Angehörige organisierter Banden nicht mit Klein-kriminellen in Berührung kommen.
  Das moderne Haftkonzept sieht darüber hinaus mehr als nur eine Verwahrung der verdächtigten Straftäter vor. Die Anstaltsleitung bietet unter anderem Arbeitsmö-glichkeiten und Deutschkurse für Ausländer an.
  In der Freizeit sollen sich Häftlinge in einer Drei-Feld-Sporthalle, einem Kraftraum einer Schwimmhalle und auf einem Sportplatz austoben Daneben sollen Freizeiträume und Höfe sowie eine Bücherei für Zerstreuung sorgen. (dpa)

 

 

 

 
   

 

 

 
 

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